LUXUSQUEST

Kaltstart für ein neues Projekt

Unsere mythisch heldenhafte Suche nach dem deutschen Luxus begann erstmal so richtig gegenteilig.
Wir hatten uns aufgemacht, auf der i-mobility fündig zu werden, die Idee für unseren Wagentross auf leichtgängige Räder zu stellen, und anzuschieben.
Nicola und ich, im vollgepackten Fiorino auf dem Weg nach Stuttgart. Hinten, roter Teppich vom Schiff, Edel-Absperrung vom Camp, ein paar Drucksachen die echt Nerven gekostet haben, Bücher, Klamotten und unsere Zahnbürsten…

Kurz vor der Hügelkuppe hinter Karlsruhe, Stau. Ich mache den Motor aus, denke noch, hoffentlich braucht´s nicht wieder drei Anläufe bis die Karre anspringt. (Das macht unser alter Rosinante nämlich gerne mal.) Und dann, Totalausfall. Wir raus, um unsere Benzinkutsche auf den Pannenstreifen zu schieben. Der LKW-Fahrer in meinem Nacken glotzt mir mit hochrotem Kopf entgegen, als würde ich an seinen Gartenzaun pinkeln, und hämmert hektisch mit dem Zeigefinger auf sein Rolex-Imitat ein.

Natürlich fängt es jetzt auch noch richtig an, zu regnen.

Schließlich gelingt es uns aber doch, das glücklicherweise leichte Gefährt, den Berg hoch, anzuschieben, dank der heldenhaft joggenden Nicola – während mir schon japsend die Kraft ausging. Das war darauf dann kurz sehr lustig, aber später haben wir uns natürlich voll gestritten. Sollte nicht doch ein neues Auto her, und überhaupt klappt das mit der Verteilung der Hausarbeit nicht so richtig. Und können wir uns die Spinnereiprojekte überhaupt leisten? Wäre nicht wieder Festanstellung doch irgendwie beruhigender? Ich, von der ganzen Messevorbereitung sowieso schon mega gestresst und völlig unentspannt.

Also richtig scheiße.

Dann hat das mit der Unterbringung auch nicht so richtig geklappt. Conny Krieger, die uns ganz kurzfristig diese Offerte gemacht hat, Teil ihres Gemeinschaftsstandes auf der Stuttgarter E-Mobilmesse zu sein, musste einfach zu viele Dinge auf einmal koordinieren. Da geht halt mal was unter. Hotelzimmer nach 0 Uhr im Schwabenland auch unmöglich, oder richtig teuer.
Haben wir dann zu dritt im Zimmer einer unterkühlten Freak-Werkstatt gelegen. Wir auf dem Boden, der Referent Tomi Engel wälzt sich unruhig auf dem Ledersofa. An Schlaf erstmal nicht zu denken. Irgendeine Alarmanlage heult auf. Wachliegende, gefühlte Stunden Später, kommt auch noch ein Bewohner nachhause und macht den Volksverblöder an. Wo sind wir da nur reingeraten?
Ich denke, Mist, dass mit der gemeinsamen Expedition kannst Du jetzt vergessen. Da macht Nicola nicht mehr mit, unter solchen Bedingungen. Wenigstens gut Schlafen muss doch drin sein. Und auch ich fange an, den Wanderzirkus für eine Schnapsidee zu halten. Horrorvisionen suchen mich heim. Ein Haufen Leute, Campingverhältnisse: da will dann jemand noch singen, Handys klingeln, wenn du gerade wegkippst, wirst du von einem enthemmten Pärchen, peinlichst wieder in die Realität zurück geholt, liegst da und starrst in den Wald.
Von Konzentration auf wichtige Gedanken, die künstlerisch-wissenschaftlich-gesellschaftspolitische Arbeit, und vom Naturgenuss ist nichts mehr übrig. Nee, das brauch ich wirklich nicht. Dafür die Existenz aufs Spiel setzen, stundenlang Internetseiten bändigen, sich Konzepttexte aus den Fingern saugen, hunderte von fehlgedruckten Karten, von Hand, einigermassen zurechtschnibbeln. Das wär ja keine Spinnerei.
Das wär bescheuert!

Ich dreh mich rum. Nicola hat auch die Augen noch auf. Wir nehmen uns bei der Hand und müssen lachen.
Irgendwann Ohropax rein, um Verbrecherschutz, Knarzgeräusche und den Fernsehlärm auszublenden. Und von da an ging´s dann eigentlich bergauf. Die folgende Nacht haben wir in Pablo Wendels Küche, auf dem Ausziehsofa verbracht und wunderbar geschlafen. Am nächsten Morgen konnten wir in seinem Performance Electrics Atelier mit Glasfront, Blick über den mittlerweile sonnigen Stuttgarter Kessel, fürstlich frühstücken, einige vielversprechende Visitenkarten in der Jackett-Tasche, und haben uns auf unseren letzten Messetag gefreut.

luxusquest-d-9Auf dieser ersten Etappe von LUXUSQUEST-DEUTSCHLAND habe ich einiges gelernt, z.B., … :

… dass Unternehmungen die zwischenzeitlich trostlos am Nullpunkt kratzen, noch eine enorme Strahlkraft entwickeln können, wenn wir zusammenhalten und den Humor nicht verlieren.

… dass unser scheitern an Problemstellungen, nicht technologischer Natur ist.

… dass, wenn wir in Deutschland den Absprung verpennen, andere unsere Zukunft gestalten werden.

… dass unsere Systemingenieure, nach geistvoller, kultureller Begleitung dürsten.

… dass Baden Württemberg deutlich weiter vorne liegt als das Saarland.
(Wobei man sich jetzt fragen kann was beruhigender ist, in einer Welt des blinden Fortschrittsglaubens.)

… dass Schlipsträger auch Menschen sind, die zwischen Ängsten und Sehnsüchten agieren, die sich freuen, in Räume entführt zu werden die sie zeitweise ihrer ökonomischen und sozialen Neurosen entledigen.

… dass es den Tesla gibt, vor dem die deutschen Automobilkonzerne scheinbar in Schockstarre verfallen. Komplett ausländische Ingenieurskunst. 200 km/h schnell. 80.000 € teuer. Mit einer Reichweite von 480 Km. Und Ladestrom, kostenlos auf Lebenszeit. An Schnellladestationen kann der in einer halben Stunde 240 Km Reichweite, für eine 100 Km/h schnelle Fahrt „tanken“. Eine art I-Phone auf Rädern, aus Silicon-Valley.
(Geht nicht, gibt´s also nicht mehr als haltbares Argument. Gibt´s nicht, ist aber immer noch Realität bei den großen Unternehmen.)

So eine vollektronische Elektrokarosse kann einen schon euphorisieren. Ich habe sie bisher nur auf Fotos und in Videos gesehen und bin ganz feucht geworden. Conny hat für ihren Gemeinschaftsstand einen Tesla Roadster organisiert. Aber leider nur an den beiden Tagen, an denen wir nicht mehr da waren. Auf der Auto Motor Sport Teststrecke durfte der aber dann doch nicht fahren. Da hätte er Daimler und Co ja auch sofort die Show gestohlen. Hat er natürlich sowieso.
Ganz schön beeindruckend, was für eine Suggestionskraft so ein Auto in der Lage ist, freizusetzen. Das ist gar nicht die art von Luxus, die mich lebendig halten könnte und doch fahre ich drauf ab, obwohl ich weiß, dass so ein Computerbildschirm-Cockpit ohne Knöpfe, dass eine Verkehrswende zu noch hemmungsloserem, gewissensberuhigtem Fahrspass über immer mehr zugeteerte Heimaterde, dass so eine teure Begehrlichkeit, für die es sich zu robotten lohnt, das Böse in Reinform in sich trägt.
Für uns Ökotechnokraten leistet er natürlich erstmal Pionierarbeit in Sachen saubererer Luft. Die Folgen allerdings sind noch nicht absehbar. Fakt ist, dass die Basistechnik eines solchen Autos viel Manufakturtauglicher ist, als die halbherzigen Lösungsansätze der deutschen Großindustrie. Können wir unsere Mobilitätslösungen also bald wieder selber bauen?

Eine menge technischer Details war mir bisher gar nicht so Klar, z.B., dass … :

…ein ex-jugoslawischer Donauschwabe in Stuttgart, 1,- € auf 100 Km Bewegung in seinem E-Mobil für den Ladestrom ausgibt.

…der Verbrennungsmotor eine höchst zweifelhafte Verklappungsmaschine für hochgiftigen Sondermüll darstellt, den wir in unsere Lungen entsorgen.

…der Verbrennungsmotor eine Energieeffizienz von, um die 20% hat. Der Elektromotor aber einen Effizienzwert von, um die 80% erreicht.

…die Akkus e-mobiler Fortbewegungsmittel, in ihrer Menge, während der Standbyphasen ein hervorragendes Speicherkraftwerk darstellen könnten, welches die Schwankungen im europäischen Stromnetz auszugleichen hilft, mit einer Kapazität, die mit Pumpspeichern niemals zu erreichen wäre.

…ich die Haltbarkeit meiner Lion Akkus merklich steigern kann, wenn ich sie nur zu 70% entlade.

…dass wir immer wieder innehalten sollten, um zu erforschen womit wir uns eigentlich Beschäftigen und wie wir denn eigentlich leben wollen.

…der Mann von Mercedes-Benz sich gefragt hat, warum er die ganze Zeit auf unser Auto gucken muss und dann doch keine Zeit hatte, vorbei zu kommen.

…auch andere, wahnsinnig schicke, praktische, einfache und individuelle Mobilitätslösungen denkbar sind, als das herkömmliche Auto zu elektrifizieren.

…Rollgeräusche, Verkehrschaos und entfremdende Hi-Tech uns den letzten Nerv rauben, aber vermeidbar wären, wenn wir zusammen daran arbeiten, wirklichen, mobilen und lokalen Luxus zu schaffen.

…LUXUSQUEST-DEUTSCHLAND auf echtes Interesse bei möglichen Kooperationspartnern stößt.

…es viel mehr ernsthaft ausgereifte Lösungsansätze gibt, als ich mir zu träumen gewagt hätte, die aber einfach nicht allgemein bekannt sind.

…wir höllisch aufpassen müssen, dass wir uns nicht geblendet von diesen Lösungsansätzen, verstricken lassen, in etwas, das uns noch weniger gut tut.

…ich eine Menge an spannender Arbeit vor mir habe.

…ich eine tolle Freundin habe!

Nun bin ich allein zuhause in Saarbrücken. Gestern hatte ich meinen vorerst letzten Bühnenauftritt. Nicola spielt heute in München. Ich bin voller Ideen und Schaffenskraft. Auf dem Schiff am Landwehrplatz sitzt eine Gruppe Studenten, mit Guitarren. Sie helfen mir beim ausladen der Messeutensilien. Ich beschließe, mir an Bord etwas zu kochen, hänge die LUXUSQUEST Banner an die Bordwand und genieße den Sonnentag mit ihnen und meiner Cidreflasche, die von meinem gestrigen Bühnenabschied übrig geblieben war. Zwischendurch lese ich noch was von Christoph Schlingensief vor, und aus dem Workstation-Buch: Von 1 Euro Jobs und Grasmöbeln. Später kommen Klaus und Georgia auf dem Weg ins Theater vorbei und wir stellen fest, dass man auf dem Schiff, wie aus der Welt, um einen, heraus tritt, und dass das Luxus ist. Das ist dann vielleicht die ökologischste und simpelste Mobilität in eine neue Wirklichkeit.

Der weißpolierte Tesla Roadster stand an diesem Tag übrigens am selben Platz, wo wir zuvor, in unser LUXUSQUEST-DEUTSCHLAND-Mobil eingeladen hatten. Diesmal musste der Herr von Daimler Benz auf diese Realität blicken. Ob ihm das lieber war, wird sein Geheimnis bleiben.

2 Fotos: Pablo Wendel, → Performance Electrics

Info zum  LUXUSQUEST-DEUTSCHLAND Projekt.

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