Entwickeln für Anfänger

Es ist ein ganz normaler Sonnabend in Deutschland, das heißt, es werden Buden aufgebaut, Fleischfetzen gegrillt, Kleinkinder getröstet, Sicherheitsbedenken geäußert. In welche Entwicklung sind wir da hineingeraten? Eine Messe für Initiativen und Projekte mit Bezug zur sogenannten dritten Welt, ist eben nicht anders. Es ist einer dieser Tage, an denen man morgens schon weiß, dass man es abends ganz nett gefunden haben wird, aber daran ist ja nichts schlimmes.

Unsere Bude steht hier schon seit geraumer Zeit auf festem Grund. Wir haben uns gefragt, ob man nicht noch mal was machen müsste, künstlerisch, logisch – aber auch ganzheitlich, experimentell, politisch, gesellschaftlich, einfach mal andere Fragen stellen, Experimente wagen, deren Gelingen man anfangs selber für ausgeschlossen hält, die aber dann mit einem Mal einen ganz unerwarteten Erfolg einbringen, einen neuen Gedanken und ein paar Meter, die man sich weiter in eine bestimmte Richtung bewegen kann. Jetzt ist hier Deutscher Entwicklungstag, und wir mittenmang dabei. Unsere Bude ist ein Schiff. Unser Schiff ist ein Labor. Unser Labor ist eine Kulisse. Unsere Kulisse ist öffentlich. Unsere Öffentlichkeit ist Kunst. Unsere Kunst ist Politik, und unsere Politik ist eine ganz persönliche Entwicklung.

Die Vorstellung, die dem Begriff Entwicklung zugrunde liegt, richtet sich auf ein Inneres, das bereits vorhanden ist, und sich durch das Abstreifen seiner Hülle endlich präsentiert, wie ein Schmetterling, der hässlich in einen Kokon gleichsam hinein- und wunderschön, seinem wahren Wesen gemäß, wieder hinauskriecht. (Das ist übrigens haargenau der Fetisch, der Buffalo Bill, den anderen Serienkiller in Das Schweigen der Lämmer antreibt, also den Typen, der am Ende von Jodie Foster erschossen wird).

Übertragen auf die sogenannte dritte Welt bedeutet das, dass wir davon ausgehen, dass all diese Länder ihr wahres Wesen noch verbergen, noch hässlich sind, dass sie im Grunde nicht ihrem Charakter, ihrer Bestimmung entsprechend leben. Das ist eine ziemlich krasse Unterstellung, aber deswegen muss sie noch nicht ganz falsch sein, denn wenn man die Leute einfach mal fragt, welchen Lebensstandard sie gerne hätten, dann werden sie antworten Möglichst hoch, und damit werden sie nichts Immaterielles meinen, sondern Mikrowellen und Playstations. Man kann sich elitär über diese Auswüchse der Zivilisation lustig machen, wird aber nicht um die Erkenntnis herumkommen, dass der Mensch offensichtlich auch ohne viel Werbung oder Waffengewalt zur Playstation neigt. Wir wollen sie einfach haben.

Da wir uns selber offenbar als nicht entwicklungsbedürftig begreifen, könnte man auf die Idee kommen, wir hätten bereits zu uns gefunden, knallbunte Flügel ausgebreitet und zum Flug über die Wiesen angesetzt, durch die wir uns zuvor noch als Raupen schleppen und fressen mussten. Eigentlich müsste demnach unser Entwicklungsansatz hinsichtlich anderer Länder darin bestehen, ihnen zu helfen, so zu werden wie wir, also mit Playstations, Videowall und Mikrowellen und Autos und so.

Aber so ist es ja nicht – komischerweise würden wir niemals einräumen, die Länder, die wir zu entwickeln trachten, nach unserem Ebenbild formen zu wollen -, denn eigentlich finden wir uns gar nicht so super, mit diesen ganzen Playstations, Videowalls und Mikrowellen und Autos und so; irgendwie wissen wir ja schon, dass das womöglich nicht so verträglich ist, eher schon Raubbau an Allem und Jedem, insbesondere an den Ländern, die wir unter Dritte Welt subsumieren. Also, so sollen die dann später nach Möglichkeit nicht werden, sondern irgendwie schon wie wir, also mit Menschenrechten und so, aber trotzdem dann besser. Und dringend ihren eigenen Weg finden, so als bestünde Hoffnung, dass dieser eigene Weg nichts mit Playstations zu tun hat, als hätten wir was anderes überhaupt zu verkaufen, also klar, Autos, aber darüber müssten wir noch mal reden, denn nicht, dass die dann ihr Öl selber verfeuern, das wäre irgendwie auch nicht nachhaltig.

Schon kompliziert, diese Entwicklungshilfe. Man braucht dafür ein eigenes Ministerium, denn das Wirtschaftsministerium hat natürlich keine hehren Ziele, sondern nur profane: Geld verdienen. Entwicklungshilfe dreht sich schon darum, die Welt besser zu machen, also, den gemeinen Afrikaner mental, wo schon nicht optisch, an Dirk Niebel anzunähern. Trotzdem finde ich es schon ehrlicher, einfach zu sagen, wir wollen miteinander Handel treiben, und nicht, wir wollen Euch erst mal zu Menschen machen.

Wir essen die Fleischfetzen, wir trösten Kleinkinder, wir finden die Taschen wieder, wir haben unsere Autoschlüssel dabei, wir denken daran, ausreichend Wasser zu trinken, wir erleben kein schlechtes Wetter, sondern passende Kleidung.

Aber andererseits: wenn man die Leute da unten fragen würde, wie es so aussieht, dann räumen sie freimütig ein: also ganz ehrlich, bei uns liegt schon vieles im Argen. Läuft Scheiße. Wird nichts. Also machen müsste man da vielleicht schon was. Wir bräuchten zum Beispiel viel mehr Playstations und Autos und….naja, der ganze Rest, der kommt dann schon noch, und das stimmt dann vielleicht oder vielleicht auch nicht, weiß ich ja auch nicht. Auf jeden Fall erst mal machen.

Aber alles deutsch anmalen? Straßen bauen, die ins Nichts führen? Brunnen bohren, die den Boden versalzen? Oder das mit diesen Krediten, aber dann bräuchte man ein funktionierendes Gerichtssystem, und dann müsste man wieder die Gesellschaft da unten ändern, gut, nicht, dass das schlimm wäre, wir lieben unsere Gesellschaft, kennen zumindest keine bessere, aber andererseits wollen wir ja nichts oktroyieren, außer das mit der Beschneidung, also das schon, und das ist ja dann auch mit Aufwand verbunden, Banken und Gerichte sind ganz schön kompliziert, kompliziert genug, vielleicht versuchen wir es dann doch noch mal mit so einem Brunnen, das kann ja nicht jedes Mal schief gehen, und eine Schule für Mädchen, die wir dann gleich adoptieren können…..aber gut, Sie merken schon, das ist alles gar nicht so leicht.

Neulich haben wir darüber geredet, das war schon mal gut fürs Bewusstsein. Trotzdem kann ich mir nicht helfen – ich glaube, ich entwickele mich erst einmal selber….

….ich fühle mich noch nicht so ganz als Schmetterling…….

aservatenpflichten
Dr. Gonzo

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Hintergrund und Fotos:
→ Deutscher Entwicklungstag 2013
→ Zwischenbilanz

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