Die Membran im Tiger

Der Tiger ist das was rennt, was sich nicht stoppen lässt. Der Tiger ist die Wirklichkeit.
Du bist im Tiger und du wirst von ihm gejagt.
Der Tiger ist, was dem Individuum gegenübersteht. Der Tiger treibt das Individuum, weil er es frisst. Die Individualisierung macht uns zur einsamen Beute vor dem Rachen des Tigers, schweiss- und bluttriefend getrieben, rennend, um unser kleines individuelles Sein.
Unsere Kultur, die das Individuum fordert wie keine andere, wirft es im selben Atemzug dem Tiger zum Fraß vor, hilflos und allein.
Wessen Individuum zur Gänze vom Rachen des Tigers zerfleischt ist, der ist ein für allemal ausgelöscht auf der geschichtlichen Landkarte der Menschheit, der hat nie existiert, nicht einmal als Namenloser. Jegliches Angedenken an seine Person ist das an ein ausgehöhltes Abziehbild, dessen Mark getilgt.

Der Tiger ist das was rennt, was sich nicht stoppen lässt. Der Tiger ist die Wirklichkeit.
Du bist im Tiger und du wirst von ihm gejagt.
Lerne den Tiger zu reiten, von innen, sonst wird dein Rennen sich beschleunigen bis zum unausweichlich letzten Krampf.

Die Membran im Tiger ist eine potentielle Möglichkeit, ein schleierhaftes Vexierbild, der nebelhafte Zerrspiegel eines Kraftfeldes, dort wo ein Individuum ein anderes berührt, wach, offen und in klarer Selbstbehauptung, doch ebenso bereit zu unbekannter Verschmelzung.
Wo diese Membrane entstehen, blenden sie den Tiger für einen einzigen einmaligen Augenblick, unwiederholbar.
Ein solcher Blitz wirkt auf den Tiger in unbekannter Art und ist weit entfernt von der Zeichnung klarer Bilder, gestaltet ihn listig zu führen; und seine Folgen scheinen für die Individuen oft katastrophal, doch sein Zucken enthüllt die Möglichkeit dieser listigen Führung.
Es steht noch im Verborgenen welcher Meisterschaft es bedarf, diese Kunst zu üben und wievieler Künstler. Fest steht, dass jedes Individuum ohne diese Meisterschaft, seinem Untergang entgegenstolpert. Und fest steht, dass die sozioökonomische Individualisierung die Individuen so sehr vereinnahmt, dass es ihnen zusehends unmöglich wird, sich dieser Meisterschaft zu widmen.

Wie kann also ein soziökonomisch gemeinsam agierendes Ensemble individueller Forscher
beschaffen sein, die dieser Problematik mit Geist und Tatkraft zu Leibe rücken.
Zu dieser Fragestellung hat sich meine Arbeit am „Membran im Tiger Labor“ in diesem Augenblick kristallisiert.

→ Nachklang

Boris Pietsch, München den 7. August 2011

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